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Der Störenfried mischt sich ein, wenn es um Kultur in Hagen geht.

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Am Samstag, 13.03.2010,  - 17.24 Uhr schrieb der Störenfried

AUSSCHALTEN!!! 

 

AUSSCHALTEN!!!
von Christoph Rösner

Werner Schneyder, einer der spitzfindigsten und klügsten Wortjongleure deutscher Zunge, sagte vor einigen Jahren in einem Fernsehinterview, befragt zur Qualität des deutschen Fernsehens: "Was ich da vorgesetzt bekomme, ist grauenhaft, ist niveaulos und purer Unflat." Recht hatte der große österreichische Kabarettist. Doch immerhin, der mündige Bürger hat bei sich daheim zumindest die theoretische Möglichkeit, seine rechteckige Dreckschleuder auszuschalten. Wer die "Macht" - sprich die Fernbedienung - besitzt, ist Herr, seltener Frau, über das verabreichte Unterhaltungsgrauen, das sich da in unsere Wohnstuben ergießt.
Doch was, wenn der TV-verstrahlte Hagener Mensch beschließt, sich seiner privaten Strahlenquelle zu entziehen, um in die Kneipe zu gehen? Oder Menschengrüppchen, die das gastronomische Angebot Hagens nutzen wollen, um sich - ja, man glaubt es kaum - selbst zu unterhalten, mit Freunden und anderen Verstrahlten. Es soll sie noch geben.
Das wird aber kaum möglich sein, denn sie werden nur ganz selten noch einen Laden finden, in dem nicht eine dieser bildzeitungsflachen Giftschleudern ihren Unflat in die heiteren Runden verspritzt.
Gut, für all die einsamen Mannis und Kalles, die Nicoles und Yvonnes, die suchenden zu kurz Gekommenen und leidenden zu dick Geratenen, ist der Kneipenschirm sicher das, was er ihnen zuhause auch ist: ein Fenster in die verlogene, schillernde und unerreichbare Welt der Schönen und Blöden, der Dumpfen und Stumpfen. Denn wo gibt es schon die Kneipe, in der die Nischenprogramme von arte oder 3sat von der Wand rieseln. Nein! Unerträgliches Teeniegeplärre und noch unerträglicheres X. Naidoo-Gereime und Geschleime, duselige Klingeltöne und zappelnde Vidioten sickern da ungehindert und widerspruchslos in die waidwunden Hirnwindungen ein.
Doch das alles ist Programm, verehrte Auswärtstrinker! Denn der Mensch kann sich kaum gegen bewegte bunte Bilder zur Wehr zu setzen. Das Menschenauge hat sein Eigenleben. Es wandert immer in Richtung bunt und Bild und bewegt. Und wenn das alles noch gespickt ist mit viel Haut und glitzernden Schraubzwingen im Bauchnabel, alles zusammen gehalten von einem gestählten, braun gebrannten Jungmädchenkörper, der unbedingt zu singen oder zu sprechen versucht, haben Manni und Kalle nicht den Hauch einer Chance. Und für Yvonne und Nicole gibt's dasselbe natürlich in männlich - mit Champagnerrinne in den muskulösen Lenden und blöden Kappen auf den leeren Hirnschalen.
Und wie man zuhause, geradezu hypnotisiert, Chipssäcke oder Gummitierherden in sich reinstopft, so machen das Yvonne und Kalle und Manni und Nicole - nur eben nicht gemeinsam - in der Kneipe, und zwar in flüssig und in Alkohol.
Da träumen die sehnsüchtigen Singles, in der Masse allein vor sich hinlallend, von einem trauten Fernsehabend zu zweit, Grüppchen und Freundeskreise spüren, dass irgendwie kein richtiges Gespräch zustande kommt, weil ständig einer an die Wand glotzt, und dabei flößen sich alle zusammen viel mehr Stoff ein als nötig wäre. Obwohl dieses Verhalten in Hagen eigentlich ganz besonders nötig zu sein scheint ... Und der Wirt oder die Wirtin? Lächelnd liebkosen sie ihre Fernbedienung unter der Theke. Ganz aufgeschlossene Gastronomen drehen den Ton ihrer Dreckschleuder ab. Doch das ist perfide! Denn sie geben vor, die Unterhaltung nicht stören zu wollen und bauen dabei insgeheim auf den paralysierenden Zauber ihres stummen Umsatzgehilfen an der Wand.
Die Welt ist bereits voll von Unkultur, liebe Hagener Kneiper und Gastronomen!
Und man kann wahrlich nicht behaupten, eure Läden seien heute politische Widerstandsnester oder Keimzellen einer kulturellen Avantgarde - wenn's doch nur so wäre! - nein, lasst sie wenigstens wieder sein, was sie einmal waren: Treffpunkt für kommunikationswillige und - fähige Menschen, Ruheort für Jobgestresste, Kontaktbörse für all die, na, Ihr wisst schon.
Ich gehe schon lange in keine Kneipe mehr, in der mich ein Fernseher von der Wand anstrahlt, lieber wäre mir ein röhrender Hirsch oder ein Kunstdruck von Aldi, denn die könnte ich wunderbar ignorieren. Deshalb verbringe ich meine Abende auch fast nur noch zuhause - vor dem Fernseher - die Macht zur Linken, ein guter Wein zur Rechten.

Also! Ausschalten!!!


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